Mensch: Sein Lebensraum


Mensch: Sein Lebensraum
Mensch: Sein Lebensraum
 
Der Mensch teilt sich den Lebensraum Erde mit zahllosen anderen Organismenarten. Namentlich bekannt sind etwa 1,8 Millionen, dazu kommen noch mehrere Millionen bislang unbekannter Arten. Der Mensch stellt zwar rein biologisch betrachtet nur eine unter vielen andern Arten dar, unterscheidet sich aber durch seine Intelligenz von allen andern Lebewesen. Das Kommunikationsmittel Sprache ermöglicht es der Menschheit, Erfahrungen oder Erfindungen einer Person an andere weiterzugeben, sodass sie rasch Allgemeingut werden. Neben die Übertragung von Erbinformationen tritt also beim Menschen in starkem Maß eine nicht genetische, sprachgebundene Informationsweitergabe von einer Generation zur nächsten. Dieses ist seit jeher eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des Menschen bei der Besiedlung der Erde gewesen. Die vielfältigen kulturellen und technologischen Entwicklungen, die der Menschheit im Lauf ihrer Geschichte gelangen, führten schon früh zur Überwindung natürlicher Ausbreitungsschranken. So wurden beispielsweise trennende Gewässer mithilfe von Booten überquert oder wasserlose Gebiete durch Brunnenbau erschlossen. Auch die Besiedlung unwirtlicher arktischer Zonen durch die Inuit (Eskimos) mithilfe spezieller kultureller Anpassungen gehört hierher.
 
Für das Wachstum der Tierpopulationen stellt das natürlicherweise vorhandene und der jeweiligen Tierart zugängliche Nahrungsangebot einen entscheidenden ökologischen Begrenzungsfaktor dar. Das gilt im Prinzip auch für den Menschen, der jedoch solche Mittel und Einflussmöglichkeiten erworben hat, dass er bis zu einem gewissen Grad dieser Naturordnung entkommen konnte. Wenngleich in den Millionen von Jahren, seit es den Menschen gibt, manche Umweltveränderung ohne sein Zutun eintrat, so war es schließlich doch der menschliche Einfluss, der weltweit großräumige und oft einschneidende Veränderungen der natürlichen Umwelt bewirkte. Die Beiträge dieses Bands befassen sich in vier großen Teilen mit den Grundlagen des Lebens auf der Erde — der Atmosphäre und dem Klima, dem Wasser, dem Boden —, mit den Eigenschaften der belebten Natur, mit der Art und Weise, wie der Mensch seine Umwelt gestaltet und seinen Bedürfnissen angepasst hat, sowie mit den durch menschliches Wirtschaften verursachten Umwelt- und Naturschutzproblemen. Sie wollen Einblicke in die Gegebenheiten und Zusammenhänge des Lebensraums Erde vermitteln, zu dessen Bewohnern auch der Mensch gehört.
 
 Zur Kultur der Jäger und Sammler
 
Vor fast vier Millionen Jahren waren die Vormenschen integriert in Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren ost- und südafrikanischer Ökosysteme. Ernährungsmäßig können sie dem Allesfressertyp zugeordnet werden, das heißt, sie nutzten eine Vielzahl von Pflanzen und Kleintieren; als Trinkwasserspender dienten natürliche Wasservorkommen. Die menschliche Position im Ökosystem war also nicht anders als die einer Tierart ähnlicher Größe und Ernährungsweise. Das oft bemühte Leben im Einklang mit der Natur war hier am ehesten verwirklicht. Die Situation änderte sich jedoch in dem Maße, wie die Werkzeugnutzung und insbesondere die Technik der Steingeräteherstellung fortschritt und schließlich — vor wahrscheinlich zwei Millionen Jahren — Jagdwaffen entwickelt wurden.
 
Der Gebrauch von Jagdwaffen stellte einen so tief greifenden kulturellen und technologischen Einschnitt in der Entwicklung des Menschen dar, dass man von einer Jagdrevolution spricht. Es kam nun zu einer Arbeitsteilung: Männern oblag die Jagd, Frauen sammelten weiterhin Pflanzen und Kleintiere. Diese Aufgabenverteilung, wie sie typisch für steinzeitliche Sammler- und Jägerkulturen ist, hat sich lokal bis in die Gegenwart erhalten.
 
Jagdausübung war neben der Nahrungssammlung kennzeichnend für den Typ des Frühmenschen, dessen Stellung in der Natur sich allmählich, aber sicher vom gleichgewichtigen Partner zur beherrschenden Art gewandelt hat. Mit Verbesserung der Jagdwaffen (Erfindung des Speers) wurde systematisch Jagd auf große Herdentiere betrieben, zum Beispiel vor 400 000 Jahren in Mitteleuropa auf Waldelefanten, Nashörner, Wildpferde, Auerochsen. Auf dieser Kulturstufe hat es wahrscheinlich auch schon Bootsbau gegeben. Sowohl die Jagdtechniken wie auch die vor etwa 1,5 Millionen Jahren begonnene Feuernutzung machten den Menschen unabhängiger von seiner Umgebung. Abgesehen davon, dass Feuergebrauch eine neue Dimension der Nahrungszubereitung, nämlich Grillen, Braten, Räuchern und Kochen ermöglichte, wehrte Feuer Raubtiere ab und spendete Wärme, sodass nun von Afrika ausgehend, wo der Frühmensch vor etwa 2 Millionen Jahren zuerst aufgetreten war, auch kältere Regionen auf andern Kontinenten besiedelt werden konnten.
 
Im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt gewann das Feuer schon in steinzeitlichen Kulturen besondere Bedeutung dadurch, dass es als Mittel zur Beseitigung oder Auflichtung des Pflanzenbestands genutzt wurde. So wurden in der trockenen Jahreszeit die dürren Gräser von Savannen abgebrannt, um das Jagdwild aufzuscheuchen oder zusammenzutreiben. Man nimmt an, dass die typische mosaikartige Verteilung von Grasflächen und einzelnen Bäumen oder Gehölzgruppen in vielen heutigen Savannengebieten Afrikas auf solche menschlichen Eingriffe zurückgeht oder durch sie zumindest eine starke Förderung erfahren hat. Auch Wälder wurden abgebrannt, um die Zugänglichkeit zu erhöhen und Jagdtiere herauszutreiben. Belegt ist das für Neuguinea (vor 28 000 Jahren) und Sumatra (vor 18 000 Jahren). In Australien führten, beginnend vor etwa 40 000 Jahren, vom Menschen gelegte großflächige Brände zu Veränderungen im Baumbestand. Feuerempfindliche Arten verschwanden, während diejenigen zunahmen, die unempfindlich gegen Feuer sind, zum Beispiel Eukalyptusarten. Solche planmäßig gelegten Feuer konnten in den Eingeborenenkulturen Australiens und Neuseelands noch vor wenigen Jahrhunderten beim Eintreffen der ersten Europäer beobachtet werden.
 
Vor etwa 300 000 Jahren traten die Altmenschen auf; sie sind der älteste Typ des modernen Menschen, des Homo sapiens. Hierher gehört die vielleicht bekannteste Form, der Neandertaler. Mit hoch differenzierter Steingeräteherstellung, Körperschmuck, Tieropfern und Totenbestattung erreichten die Altmenschen eine hohe Kulturstufe auf der Ebene des Sammler-, Jäger- und Fischerdaseins, die auch kaltem Klima gewachsen war. Seit ungefähr 90 000 Jahren gibt es die Neumenschen, die zunächst im Bereich des heutigen Israels gelebt haben, später auch in Europa auftraten. Eiszeitliche Neumenschen Europas waren die Cro-Magnon-Menschen (etwa 35 000 bis 10 000 Jahre vor heute).
 
Die Neumenschen breiteten sich relativ schnell über die ganze Erde aus. Sie waren aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten in der Lage, alle Klimazonen zu besiedeln. Südostasien wurde etwa vor 50 000 Jahren erreicht, Australien vor 40 000. Von Nordostsibirien aus kamen die Menschen wahrscheinlich vor 25 000 bis 15 000 Jahren erstmals nach Alaska und besiedelten in einer großen Wanderungsbewegung von Nord nach Süd den ganzen amerikanischen Kontinent. Im südlichen Chile kamen die wandernden indianischen Sammler- und Jägergruppen vor wohl 13 000 Jahren an.
 
Aufgrund von archäologischen Funden weiß man viel über die vergleichsweise hoch entwickelten Jagdwaffen und -techniken dieser Menschen; aufgrund von Bodenfunden und zahlreichen überlieferten Höhlenbildern kennt man auch die Jagdobjekte, unter denen viele Großtierarten waren. Eiszeitliche Jäger erlegten zum Beispiel Mammute und Wildpferde in offensichtlich erheblichem Umfang. Hat das die Tierbestände existentiell bedroht oder kam es gar zur Ausrottung einzelner Arten? Die geringe Bevölkerungszahl des damaligen Menschen spricht ebenso dagegen wie das gleichzeitige Auftreten starker Klimaschwankungen, die durchaus ursächlich für das Aussterben beispielsweise der Mammute verantwortlich sein könnten. Nach einer anderen — allerdings umstrittenen — Hypothese des amerikanischen Bio- und Geowissenschaftlers Paul S. Martin haben die Amerika besiedelnden eiszeitlichen Jäger vor etwa 11 000 Jahren die damals lebenden Großtiere des Kontinents ausgerottet (»overkill«). Belegen ließ sich das bisher jedoch nicht.
 
 Die Entstehung der Landwirtschaft
 
Vor etwa 11 000 Jahren kam es in Südwestasien zu einem drastischen Umbruch der steinzeitlichen Lebensweise, der als neolithische (jungsteinzeitliche) Revolution bezeichnet wird und den Beginn des gezielten Anbaus von Nutzpflanzen und der Haltung von Haustieren zum Zweck der Ernährung markiert. Es war dies gewissermaßen die Geburtsstunde von Landwirtschaft und Gartenbau. Ausgehend von mehreren alt- und neuweltlichen Zentren mit unterschiedlichem Inventar an Nutzpflanzen und Haustieren verbreitete sich die neue Technologie in den nächsten Jahrtausenden über große Teile der Erde. Als unabhängige Entstehungsgebiete werden Vorder- und Südwestasien, Zentral- und Südchina, das Hochland von Papua-Neuguinea, Teile Mittelamerikas und das westliche Südamerika genannt. Die Landwirtschaft breitete sich vom Nahen Osten bald in das Mittelmeergebiet und nach Mitteleuropa aus, wobei Gerste sowie die Weizenformen Emmer und Einkorn zu den ersten Kulturpflanzen gehörten. Die ältere Sammler-, Jäger- und Fischerkultur erhielt sich allerdings in einigen Regionen der Tropen und Subtropen sowie in der Arktis noch lange Zeit, in Resten bis in die Gegenwart. Die Einführung der Landwirtschaft brachte erhebliche ökologische Veränderungen, die zum Teil systembedingt sind. Sollen nämlich Kulturpflanzen angebaut werden, so muss vorher der natürliche Pflanzenbestand entfernt werden; ein bestehendes Ökosystem muss also in Teilen oder auch ganz einem vom Menschen gesteuerten Agrarökosystem weichen. Haustiere benötigen Weideflächen; das können Wälder, Savannen (Baumsteppen) sowie natürliches Grasland (Steppe) sein, oder aber es werden Weiden und Mähwiesen gezielt angelegt, das heißt, gewünschte Nutzgräser, Klee und andere Pflanzen eingesät. Im erstgenannten Fall beeinflusst das Weidevieh die natürliche Vegetation durch Fraß und konkurriert mit Wildtieren um die Nahrung; das ursprüngliche Ökosystem wird also mehr oder weniger stark verändert, manchmal auch zerstört. Im zweiten Fall schafft der Mensch gezielt ein Agrarökosystem, das an die Stelle des Vorgängersystems tritt. Das Ausmaß der ökologischen Veränderungen durch die Landwirtschaft war in der Frühzeit entsprechend der noch niedrigen Bevölkerungsdichte verhältnismäßig gering, nahm aber bald zu. Nicht nur hinsichtlich der Umwelt, sondern für die gesamte Entwicklung der menschlichen Kultur war die Entstehung der Landwirtschaft folgenreich. Der durch Landwirtschaft erzeugte Nahrungsüberschuss hatte zur Folge, dass einige Menschen sich ganz dem Handwerk, der Medizin, der Wissenschaft, der Religion zuwenden konnten. Textilherstellung und Metallurgie entstanden. Es bildeten sich Dorfgemeinschaften, schließlich stadtähnliche Siedlungen, die mit der Einführung von Bewässerungswirtschaft und der Urbarmachung von Schwemmlandgebieten einen gewissen Wohlstand erreichten, zugleich jedoch die Landschaft in bleibender Weise verändert haben. Früheste stadtähnliche Siedlungen waren Jericho in Palästina und Çatal Hüyük in Zentralanatolien, wo es bereits im 7. Jahrtausend v. Chr. Landwirtschaft gab. Um 4000 v. Chr. bildeten sich stadtähnliche Siedlungen im südlichen Teil der Stromtäler von Euphrat und Tigris in Mesopotamien; etwas später entstanden größere Siedlungen in Ägypten, im Indusgebiet und in China.
 
 Landwirtschaft und Landschaftswandel in Mitteleuropa
 
In Mitteleuropa begann die Landwirtschaft vor etwa 7500 Jahren zunächst auf fruchtbaren Lössböden. Zu dieser Zeit bedeckte bei feuchtwarmem Klima ein artenreicher Eichenmischwald weite Teile Mitteleuropas. Der Wald insgesamt dürfte hier vor der neolithischen Revolution mindestens 95 Prozent der Fläche bedeckt haben. Mit den ersten Rodungen für den Kulturpflanzenanbau begann ein stetiger Rückgang der Waldfläche. Dieser verstärkte sich mit dem zunehmenden Verbrauch der wachsenden Bevölkerung von Bau- und Brennholz. Bis ins 18. Jahrhundert n. Chr. hinein diente Holz nicht nur als Baumaterial und Rohstoff, sondern war neben der Wasserkraft zudem der wichtigste Energielieferant. Ein Blick in die mittelalterliche Gesellschaft kann die vielfältigen Verwendungsformen von Holz deutlich machen. So wurde es bei der Kochsalzgewinnung zum Eindampfen der Sole verwendet. Erzschmelze und Metallverarbeitung erforderten große Mengen an Holzkohle. Als regelrechte »Holzfresser« galten die Kalk- und Ziegelöfen, später auch die Porzellanmanufakturen. Große Mengen an Holz verzehrte die Glasindustrie, wo zur Herstellung von einem Kilogramm Glas etwa 2400 Kilogramm Holz benötigt wurden. Vor allem aber wurde der Wald als Weidegebiet für das Vieh genutzt. Die bis ins Mittelalter vorherrschende Waldweide führte zu starken ökologischen Veränderungen des verbliebenen Walds, dessen Flächenanteil im 10. Jahrhundert n. Chr. auf weniger als 25 Prozent abgesunken war.
 
Wenngleich Anfänge eines Wald- und Baumschutzes vereinzelt bis ins Mittelalter zurückreichen, waren um 1800 große Waldflächen durch übermäßigen Holzschlag und intensive Beweidung erheblich ausgedünnt, wenn nicht verschwunden. Dieser Entwicklung versuchte man im 19. Jahrhundert durch großflächige Wiederaufforstungen, überwiegend mit Nadelholzkulturen, entgegenzuwirken, die zur Neubildung ausgedehnter Waldgebiete führen sollten.
 
Ungeachtet der intensiven Nutzung von Holz und Rohstoffpflanzen wie Lein (Flachs), Färberpflanzen oder Hanf war die Menge der erzeugten Güter im Mittelalter wesentlich geringer als in späterer Zeit. Zudem wurden sie, im Unterschied zu den Gepflogenheiten der modernen »Wegwerfgesellschaft«, möglichst lange genutzt. Textilien wurden ausgebessert und an die Nachkommen vererbt. Lumpen, die Hadern, waren bis ins 19. Jahrhundert der einzige Papierrohstoff. Bücher und Möbel konnten Jahrhunderte überdauern.
 
Durch den Einsatz einfacher Maschinen wurden seit dem 12. Jahrhundert, etwa zeitgleich mit der Entwicklung der mittelalterlichen Städte, natürliche Energiequellen dienstbar gemacht. Weite Verbreitung fanden Wasserräder als Antrieb, beispielsweise beim Mahlen des Getreides, Sägen von Holz, Betreiben von Hammerwerken oder beim Polieren von Marmor. Auch Windmühlen gab es bereits. Der Bau hochseetüchtiger Segelschiffe und die Einführung des Kompasses sowie der Feuerwaffen schufen die Voraussetzungen für die Erschließung großer Teile der Erde durch europäische Seefahrer, Krieger und Siedler in den folgenden Jahrhunderten. Kaum eine Region der Erde blieb von den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten der Europäer unberührt.
 
Dem wirtschaftenden Menschen haben viele der uns heute natürlich und naturschutzwürdig erscheinenden Ökosysteme ihre Existenz zu verdanken. Dazu gehören die nordwestdeutschen Heideflächen, zum Beispiel die Lüneburger Heide, die teils schon in der Jungsteinzeit, teils erst im Mittelalter entstanden sind. Auch die großflächigen, terrainbedeckenden Moore (»Deckenmoore«) der feuchteren Gebiete Nordwestdeutschlands entwickelten sich erst nach der Rodung der Wälder in Jungsteinzeit und Bronzezeit auf vernässten Kulturflächen. In jüngerer Zeit sind sie durch Entwässerung, Torfgewinnung und Urbarmachung in großen Teilen wieder zerstört worden. Heute versucht man die letzten Reste von Heiden und Mooren durch Maßnahmen des Naturschutzes im Bestand zu erhalten.
 
Ein großes Problem der Bodennutzung ist bis heute die Bodenerosion geblieben. Schon in der Frühzeit der Landwirtschaft trat Erosion, das heißt oberflächlicher Abtrag von Bodenmaterial, auf. Dieses heute weltweit auftretende Umweltproblem lässt sich schon für die Jungsteinzeit nachweisen. Nach der Beseitigung der ursprünglichen, bodendeckenden Vegetation durch Rodung für den Anbau des nur zeitweise und unvollkommen den Boden schützenden Getreides, kam es in lössbedeckten Hanglagen in solchem Umfang zum Abtrag von Bodenpartikeln durch abfließendes Niederschlagswasser, dass in den Flusstälern mächtige Auelehmablagerungen entstanden. Im Rheinland war die Lösserosion vor allem während der mittelalterlichen Rodungen so stark, dass heute lokal fünf bis acht Meter dicke Ablagerungen über neolithischen und römerzeitlichen Siedlungsresten liegen.
 
 Das Anwachsen der Weltbevölkerung
 
Die Einführung der Landwirtschaft führte aufgrund der verbesserten Ernährungsbasis in den folgenden Jahrtausenden zu einer starken Zunahme der Bevölkerungszahl. In den rund zwei Millionen Jahren zwischen Jagdrevolution und Beginn der Landwirtschaft wuchs die Weltbevölkerung auf geschätzte fünf Millionen an, in den folgenden 9000 Jahren bis Christi Geburt auf etwa 200 Millionen und bis 1650 n. Chr. auf 500 Millionen. Zu dieser Zeit war die weltweite Expansion der Europäer schon in vollem Gang, und beispielsweise die Vernichtung indianischer Kulturen, die Kolonisation und damit auch die Ausbreitung europäisch-asiatischer Nutzpflanzen, Haustiere, aber auch Krankheiten haben Kultur und Natur Amerikas rasch verändert. Zu dieser Zeit begann auch eine bis heute sich fortsetzende teils absichtliche, teils unbeabsichtigte Einbringung wild lebender Pflanzen und Tiere in fremde Länder. Die Zahl solcher Exoten ist vielerorts sehr hoch. Dadurch kann es zu erheblichen ökologischen Veränderungen kommen. — Ein rapides Bevölkerungswachstum setzte in manchen europäischen Staaten im 18. Jahrhundert ein, sodass die jetzt mögliche technologische Erschließung neuer Ressourcen und Produktionswege zur Versorgung der Menschen existenznotwendig wurde. In England zum Beispiel stieg die Bevölkerung im 18. Jahrhundert von 5,5 auf 9 Millionen, bis 1806 auf etwa 12 Millionen an; in Deutschland wuchs sie in diesem Zeitraum von 16 auf über 23 Millionen.
 
 Segen der Technik und Umweltprobleme seit der »industriellen Revolution«
 
Eine auch ökologisch wichtige Zeitmarke stellt die »industrielle Revolution« dar, die in Europa um die Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzte und das Industriezeitalter eingeleitet hat. Eine erhebliche Veränderung bedeutet seit dem 18. Jahrhundert und verstärkt seit dem 19. Jahrhundert die Intensivierung der Landwirtschaft. Die traditionelle Dreifelderwirtschaft mit der alle drei Jahre eingeschobenen Brache wurde allmählich aufgegeben. Die Brache wurde mit »Brachfrüchten«, das waren Futterpflanzen wie Klee, aber auch Kartoffeln und Rüben bebaut. Agrarreformen wie in Preußen die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Ordnung von Eigentumsverhältnissen führten zu einer neuen Aufteilung des Bodens. Kleinere Parzellen wurden zu größeren Flächen zusammengelegt; viele Büsche, Bäume, Hecken und Gewässer auf den Feldern verschwanden. Es wurden neue Feldgrenzen angelegt. Zugleich wurde noch weiteres Land, etwa Moorgebiet, urbar gemacht und die Bodennutzung allgemein verbessert. Die gesamte Landschaft wurde durch solche Maßnahmen in bleibender Weise verändert.
 
Einen weiteren Einschnitt bedeutete der Einsatz des fossilen Brennstoffs Kohle anstelle der in Europa durch Übernutzung erschöpften Ressource Holz. Später sind Erdöl und Erdgas, Mitte des 20. Jahrhunderts die Kernkraft hinzugekommen. Während die vorindustriellen Gesellschaften weitgehend auf nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Hanf, Lein (Flachs) beruhten, hat seit Einführung der Kohle die Nutzung nicht erneuerbarer Energiequellen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Kohle stellt als Heizmaterial und wichtiger chemischer Rohstoff große Energiemengen zur Verfügung; ihre Verwendung hat jedoch gravierende Auswirkungen auf die Umwelt, denn Kohle setzt beim Verbrennen bedeutend mehr Gase und schädliche Bestandteile frei als Holz. Die Eisenbahn hat Transporte über große Strecken hinweg ermöglicht. Dampfmaschine, elektrische Kraftmaschine, Benzinmotor und die Industriebetriebe markieren einzelne Entwicklungsschritte mit unterschiedlichen Umweltbelastungen, deren Dimensionen von lokalen und regionalen Störungen bis hin zur Gefahr globaler Schäden reichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die chemische Industrie aufgekommen, die einen enormen Aufschwung nahm und weit reichende Auswirkungen auch im ökologischen Bereich hat. Abgesehen von Belastungen durch Abwasser und Luftverunreinigungen sind mehrere Innovationen aus ökologischer Sicht folgenschwer. Die Ammoniaksynthese macht das riesige Reservoir der Atmosphäre an Luftstickstoff für die Düngemittelherstellung nutzbar und ermöglicht eine hohe landwirtschaftliche Produktion. Synthetische Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) vernichten krankheitsübertragende Insekten und bewahren Menschen vor Krankheiten, sie können aber gleichzeitig andere Lebewesen schädigen; Pestizide dienen in großem Umfang als Pflanzenschutzmittel dem Schutz von Kulturpflanzen vor Schädlingen und konkurrierenden Wildkräutern (»Unkräutern«). Synthetische Düngemittel und Pestizide spielten bei den Produktionssteigerungen der letzten Jahrzehnte weltweit eine wesentliche Rolle, brachten aber zugleich erhebliche Probleme für den Biotop- und Artenschutz sowie beim Schutz des Grundwassers als Trinkwasserressource mit sich.
 
Ein auffallendes Phänomen des Industriezeitalters ist die rasante Zunahme des Kraftfahrzeugverkehrs seit den 1950er-Jahren. Der Verkehr belastet die Umwelt außer durch Flächenbedarf — weite Landschaften sind inzwischen durch ausgedehnte Straßennetze geprägt — auch durch Lärm und den Ausstoß von Schadstoffen wie Stickstoffoxide und Kohlendioxid in die Luft. Beim Pkw und seinen Umweltbelastungen sollte auch der globale Aspekt beachtet werden. 75 Prozent aller Pkw entfallen auf die europäischen und nordamerikanischen Industrieländer. In Deutschland beispielsweise kommen rund 500 Pkw auf 1000 Einwohner; in China hingegen sind es nur drei und in den weniger entwickelten Ländern Afrikas ist es allenfalls ein Pkw pro 1000 Einwohner. Von den 5,9 Milliarden Menschen (1998) dieser Erde leben nur 1,2 Milliarden in den Industrieländern, 4,7 Milliarden aber in den weniger entwickelten Ländern. Sollten Letztere ihre wirtschaftliche Höherentwicklung in ähnlicher Weise und mit gleicher Technologie gestalten, wie es die heutigen Industrieländer getan haben, käme es zu erheblichen globalen Belastungen des Lebensraums Erde. Beispielsweise würde allein eine weltweite Angleichung des Pkw-Bestands an den Standard der Industrieländer die Bemühungen Europas um Senkung des Ausstoßes von Kohlendioxid in die Atmosphäre unwirksam machen. Überlegungen dieser Art müssen auch bei der Einführung anderer heutiger Technologien in die weniger entwickelten Teile der Welt angestellt werden, wenn regionale und globale Belastungen der Umwelt vermieden oder zumindest in Grenzen gehalten werden sollen.
 
 Krisen im Lebensraum Erde an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
 
Zieht man am Ende des 20. Jahrhunderts eine Bilanz der Jahrmillionen alten Entwicklung der Menschheit im Lebensraum Erde, so ergibt sich ein eher düsteres Bild. Auf der einen Seite stehen gewaltige technologische Errungenschaften und ein jährliches Wirtschaftswachstum, das größer ist als im gesamten 17. Jahrhundert, auf der anderen Seite durch Menschen verursachte Umweltzerstörungen riesigen Ausmaßes. Zugleich ist die Erde gespalten in reiche Industrieländer, wo ein Viertel der Menschheit drei Viertel der nicht erneuerbaren Ressourcen der Erde verbraucht, und weniger entwickelte Länder, wo eine Milliarde Menschen (ein Fünftel der Bevölkerung) in bitterster Armut lebt und nicht genug zu essen hat. Noch größer ist die Zahl der Menschen ohne sauberes Trinkwasser; drei Milliarden leben ohne sanitäre Einrichtungen, zwei Milliarden sind zum Kochen auf Holz, Dung oder Pflanzenabfälle angewiesen.
 
Die Menschheit steht an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vor der Herausforderung, eine Weltwirtschaftsordnung zu entwickeln, die den Grundbedürfnissen der Menschen nach Nahrung, Trinkwasser, Wohnung, sanitären Einrichtungen und Energieversorgung Rechnung trägt und zugleich die langfristige Erhaltung der Ressourcen und den Schutz der Umwelt sicherstellt. Noch besteht weltweit gesehen kein Mangel an materiellen Ressourcen, wohl aber regional aufgrund von Verteilungsproblemen. Bedrohlich zunehmende Schädigungen zeigen sich hinsichtlich der erneuerbaren Ressourcen Wasser, Boden und Fischbestände, der Wälder und der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren. Dabei geht es teils um Ressourcenschutz (Holz), teils um Artenschutz, regional aber auch um den Schutz der Urbevölkerung (Brasilien).
 
Die angestrebte neue Weltwirtschaftsordnung, die neue Ökonomie, muss die ökologische Tragfähigkeit einzelner Ökosysteme und des globalen Ökosystems insgesamt beachten. Das heißt nicht generell Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Es geht nicht darum, auf Wachstum zu setzen oder kein Wachstum mehr zuzulassen, sondern um die Art des Wachstums und darum, wo es stattfinden soll. Wirtschaftswachstum auf der Basis erneuerbarer Energiequellen oder einer Recyclingwirtschaft ist durchaus ökologisch verträglich möglich und es ist sinnvoll bei der Armutsbekämpfung. Aber Wachstum muss abgekoppelt werden vom bisher üblichen gleichzeitigen Mehrverbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen.
 
Eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise ist nur möglich bei demographischer Stabilität, also wenn das heutige hohe Bevölkerungswachstum in den weniger entwickelten Ländern gestoppt wird. Noch leben erst 15 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit Bevölkerungsstabilität, also mit Nullwachstum. Die Einführung einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die das Prädikat dauerhaft umweltgerecht verdient, stellt eine enorme Herausforderung für die Politik dar, wobei Industrieländer und weniger entwickelte Länder unter Hintanstellung von Eigeninteressen eng zusammenarbeiten müssen. Das alles wird nicht möglich sein ohne Veränderung der menschlichen Wertorientierung auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene.
 
Prof. Dr. Hartmut Bick
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Atmosphäre: Aufbau, Zusammensetzung, Energiehaushalt
 
Hydrosphäre: Wasser und der Wasserkreislauf
 
Boden: Bildung und Entwicklung
 
Boden: Typen und Eigenschaften
 
 
Goudie, Andrew: Mensch und Umwelt. Eine Einführung. Aus dem Englischen. Heidelberg u. a. 1994.
 Küster, Hansjörg: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. München 1996.
 Nisbet, Euan G.: Globale Umweltveränderungen. Ursachen, Folgen, Handlungsmöglichkeiten. Klima, Energie, Politik. Aus dem Englischen. Heidelberg u. a. 1994.
 
Wege zur Lösung globaler Umweltprobleme. Jahresgutachten 1995, herausgegeben vom Wissenschaftlichen Beirat »Globale Umweltveränderungen« der Bundesregierung. Berlin u. a. 1996.
 Zirnstein, Gottfried: Ökologie und Umwelt in der Geschichte. Marburg 21996.
 
Zur Lage der Welt. Daten für das Überleben unseres Planeten, herausgegeben vom Worldwatch Institute. Frankfurt am Main 1987 ff.

Universal-Lexikon. 2012.

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